Neues Bauen zum Altwerden
Ein einfaches Stadthaus in Wiener Neustadt maßgeschneidert für eine lebensfrohe Pensionistin

Wenn es uns gelingt überfälligen Ballast abzuwerfen, tritt wieder das Wesentliche zu Tage. Dies gilt für die äußere Hülle, die ein Haus einem Leben gibt ganz besonders. Ein gelungenes Beispiel hierfür ist ein kompaktes Einfamilienhaus im Stadtgebiet von Wiener Neustadt, das Architekt Harald Höller von Sue Architekten für seine Mutter entworfen hat. Das Projekt zeigt exemplarisch, wie auf kleinen Bauplätzen durch Verdichtung und mit Reduktion auf das Wesentliche große Qualität erreicht werden kann.

„Ich brauche das große Haus nicht mehr“, fand Höllers Mutter, und überließ ihr ehemaliges Wohnhaus mit seinen 160 m2 im Zentrum von Wiener Neustadt einem ihrer Söhne und dessen Familie. Nicht weit entfernt gab es dafür das nicht mehr genutzte Haus der Großmutter, welches abgerissen wurde, damit auf dem mit seinen 250 Quadratmeter sehr kleinen Grundstück ein neues Haus gebaut werden konnte. Dieses ist nun auf die aktuellen Lebensbedürfnisse von Höllers Mutter perfekt zugeschnitten. "Lass uns nachdenken, was ich jetzt brauche und wie ich meine Wünsche jetzt gut leben kann ohne ein großes Haus zu hüten, das ich alleine nicht fülle.“

Gemeinsam mit seiner Mutter hat der Architekt nachgedacht über das, was ihr wichtig ist im Leben: Die Verbundenheit mit dem Garten, die Pflege ihrer Pflanzen, aber auch die Familie und die Gastfreundschaft. Ziel war es, nachhaltig mit den Ressourcen umzugehen und möglichst einfach zu Bauen. Wie klein darf es sein? Was muss mit, was ist verzichtbar? Schließlich bedeutete es eine enorme Veränderung, von 160 m2 und einem großen Keller auf 80 nicht unterkellerte Quadratmeter plus 25 m2 nicht beheiztem Nebengebäude zu schrumpfen. Und Barrierefreiheit war ein Kriterium, denn im neuen Haus möchte die Frau alt werden.

Harald Höller hat seiner Mutter ein einfaches Haus gebaut, das alles hat. Ungewöhnlich ist die Platzierung des Gebäudes an der Längsseite des schmalen Grundstücks. Obwohl das Haus kompakt geschnitten ist, wirkt der loftartige Entwurf mit zwei Zimmern und Küche äußerst großzügig. Dies liegt an der Glasfront zum Garten hin. Da das Niveau der Wohnebene das gleiche wie das des Gartens ist steht jeder der Räume in direkter Beziehung zum Außenraum. Das Vordach, welches sich über die gesamte Längsseite des Hauses spannt, dient im Sommer bei hoch stehender Sonne als Sonnenschutz, während die wärmenden Strahlen im Winter durch die nach Süden orientierte Glasfläche den gesamten Raum fluten. Die klare Erscheinung des Hauses als Rahmen für den bunten Garten wird durch die unzähligen Pflanzen, mit denen die Mutter die Loggia bevölkert, lebendig. Dem Wunsch nach einem Holzleichtbau konnte Harald Höller weitgehend entsprechen, lediglich wo es aus Brandschutzgründen nötig war wurde massiv gebaut. Das helle Fichtenholz in der Auskleidung von Decke und Ausbau wirkt freundlich und luftig. In der Rückwand zum Nachbarn ist eine große Stauzone mit Küche und offenem Kamin eingebaut.

Gleich beim Eingang zur Straße hin ist das Gästezimmer angeordnet, das bei Bedarf vom offenen Wohnraum abgetrennt werden kann. Hier sind die beiden Enkeln regelmäßig zu Gast und auch ihre Kinder sind oft für eine Nacht auf Besuch. Dazu passend der einladende, große Tisch mit gepolsterter Sitzbank. Hier wird getratscht, aufgetischt, gespielt und erzählt.

Der Umgang der Familie mit ihren räumlichen Ressourcen ist so mit Kontinuität auf das fokussiert, was jetzt wichtig und richtig ist. Drei Generationen profitieren von den neuen räumlichen Gegebenheiten, die mit Rücksicht auf die Bedürfnisse aller Beteiligten im gemeinsamen Erzählen der aktuellen Wünsche und Sehnsüchte geschaffen wurden.Ein lebensfroher und lebendiger Ort.

Fotos: Andreas Buchberger